Stoffe für die Zukunft

Der Rat für Formgebung hat im Rahmen der ICONIC AWARDS: Innovative Architecture eine neue Sonderkategorie eingeführt: »Innovative Material«. Der designreport hat sich unter Fachleuten umgehört, welche Materialinnovationen Design und Architektur wirklich nach vorn bringen.

Interviews: Wiebke Lang

»Es braucht mutige Marken, die innovative Materialien einer breiten industriellen Anwendung zuführen.«

Karsten Bleymehl, Gründer der Materialagenturen MRC und TecVentura, über das Potenzial kreislauffähiger Materialkonzepte.

Herr Bleymehl, um das Hype-Thema »Innovative Materialien« ist es leiser geworden...
Karsten Bleymehl: Ich glaube nicht, dass Innovationskraft und Relevanz von Materialentwicklungen nachgelassen haben – im Gegenteil. Vielleicht wurde das Thema von der Presse etwas überstrapaziert.
Wer über Leder aus Pilzen liest, aber nirgends Pilzlederjacken kaufen kann, fragt sich natürlich, was das soll. Die Herausforderung ist die gleiche wie vor 15 Jahren: Neue Materialien nachhaltig in Produktionsprozesse zu implementieren.
Welche Materialentwicklungen haben Sie zuletzt wirklich überrascht?
Bemerkenswert finde ich den Gemüselieferanten, der mittels einer patentierten Technologie aus Pflanzenresten ohne jegliche Zusatzstoffe sämtliche Trays für seine Tomaten fertigt. Circular Materials, die aus Sekundärrohstoffen hergestellt werden und dadurch bis zu 100 Prozent Ressourcen einsparen, gewinnen an Bedeutung für die Produktentwicklung.
In welchen Branchen sehen Sie das größte Potenzial für eine schnelle Implementierung kreislauffähiger Materialkonzepte?
Der Textilindustrie steht ein enormer Wandel bevor: Unternehmen wie Remokey bieten Komplettlösungen zum Recycling von Altkleidern an. Pure Waste Textiles stellen heute schon alle Produkte aus komplett recycelter Baumwolle und Polyesterfasern her. Globale Modelabels beginnen umzudenken und beschäftigen sich über den Einsatz von Biobaumwolle und Fairtrade-Labels hinaus mit dem Thema Kreislaufwirtschaft. Neben den klassischen Anforderungen an Performance, neue Optik und Haptik sowie Funktionsintegration wird immer mehr Wert auf Ressourceneffizienz, soziale Aspekte und Kreislauffähigkeit von Werkstoffen gelegt. Selbst  teure Luxusmarken optimieren so ihr Materialportfolio. Es braucht in allen Branchen mutige Entwickler und Marken, die innovative Materialien aus ihrem Nischendasein herausholen und einer breiten industriellen Anwendung zuführen. Nur so können sie ihre gesellschaftliche, ökologische und ökonomische Kraft entfalten.

»Die größte Herausforderung: immer kürzer werdende Entwicklungszeiten.«

Friedhelm Felten, Executive Vice President & Head, Surface Solutions, Performance Materials | Surface Solutions bei Merck in Darmstadt über die Möglichkeiten neuer Materialien für disruptive Produktkonzepte.

Herr Felten, welche Lebensbereiche werden derzeit am stärksten durch innovative Materialien aufgemischt?
Friedhelm Felten: Die Mobilität zum Beispiel. Auf der IAA konnten wir in einem Konzeptauto ein ganzes Spektrum neuer Anwendungen unserer Technologien zeigen. Das digitale Licht der Frontscheinwerfer erlaubt neue Applikationen, etwa einen Sicherheitsabstand direkt im Lichtkegel anzuzeigen. Das Schiebedach kann dank Flüssigkristall-Technologie auf Knopfdruck die Helligkeit regeln. Antennen, ins Autodach integriert, bringen Daten in High-Speed ins Auto. Displays  können zukünftig ins Armaturenbrett integriert werden.
Die Oberfläche des Autos wird durch Laser- und Effektpigmente schöner, widerstandsfähiger und interaktiv – »Baby on Board« lässt sich künftig auf den Lack projizieren.
Bitte geben Sie uns einen Einblick in Ihre interessantesten aktuellen Materialentwicklungen für die Architektur!
Wir produzieren Flüssigkristallfenster-Module für Sicht- und Sonnenschutz. Die intelligente Verglasung regelt in Sekundenschnelle die Lichtdurchlässigkeit von Fenstern und Fassaden – und macht Außenjalousien obsolet. Außerdem gibt es Beschichtungen für Glasdächer, die das Infrarotlicht filtern und so ein Aufheizen im Gebäude verhindern. Für die Bahn entwickelten wir eine Oberfläche, die Graffiti abwaschbar macht – auch für das Bauwesen interessant.
Worin bestehen aktuell die größten Herausforderungen der Planung und Verarbeitung innovativer Materialien für Produktentwickler, Architekten und Gestalter?
Die größten Herausforderungen sehe ich in immer kürzer werdenden Entwicklungszeiten. Trends werden kurzlebiger – lange Testzeiten gehören der Vergangenheit an. Wir müssen daher als Lösungsanbieter immer früher in den Entwicklungsprozess einsteigen.

»Niemand möchte gern überflüssiges Gewicht mit sich herumtragen.«

Clemens Deilmann, Head of Design bei W. L. Gore & Associates GmbH, Feldkirchen, über die Intelligenz von Textilien.

Herr Deilmann, welcher Materialtrend in den letzten Jahren war für Sie der größte Flop? Welcher hat sich am überraschendsten entwickelt?
Clemens Deilmann: Airvantage von Gore-Tex war eine unerwartete Niederlage. Es ging um geniale, adaptive Wärmeisolierung durch Luft in wasserdichter, atmungsaktiver Outdoor-Bekleidung.
Welcher hat sich am überraschendsten entwickelt?
Micro-Fleece hat sich in den 1980er Jahren im Markt etabliert – und ist dann eine Weile auf unterstem Bekleidungsniveau hängen geblieben. Die Weiterentwicklung der Fasern und der Verarbeitung hat für den Einsatz im hochwertigen Modesegment gesorgt.
Welche drei Materialtrends werden Ihre Branche in den nächsten Jahren prägen?
Erstens: Leichtigkeit. Menschen möchten ungern überflüssiges Gewicht mit sich herumtragen. Materialien unterliegen meist dem Gesetz, bei wenig Gewicht weniger strapazierfähig und langlebig zu sein. Da die Filamente der heutigen Stoffe höchst reißfest sind und die Wirk- und Webstühle sehr dichte Flächen herstellen können, wird sich das rapide und kostengünstig ändern.
Zweitens: Nachhaltigkeit. Engineered Knitting – etwa durch den 3-D-Druck in der adidas-Speedfactory – ermöglicht, Konsumprodukte ohne Verschnitt und Restmüll zu stricken.
Drittens: Anpassungsfähigkeit. Intelligente Textilien, die mit Sensoren die Bedürfnisse des Trägers in verschiedenen Situationen »erfühlen« können, geben ihm Rückmeldung oder wärmen, kühlen, leuchten, senden, sondern Medikamente ab ...
Materialentwicklungen sind dann besonders spannend, wenn sie aus ihrem Kontext in neue Produktbereiche übertragen werden ...
Die Natur inspiriert viele Bereiche der Outdoor-Industrie: Bekleidung, Seile, Zelte ... Das bionische Textil Syder-Silk beispielsweise ahmt mit seiner Tragkraft, Feinheit und den Nanoeigenschaften Spinnenfäden nach. Einige Firmen arbeiten daran, ein Filament aus Proteinen zu gewinnen, das uns in die Lage versetzt, ein leichtes, stabiles und komplett wiederverwertbares Produkt zu entwickeln.

Anmeldeschluss online
18. Mai 2018

Jurysitzung
30. Mai 2018

Preisverleihung
08. Oktober 2018


Anmeldung ICONIC AWARDS: Innovative Architecture 2018



Kontakt:

Anne Koball